Isis und andere Pferde – Die wahren Unterschiede

Manchmal glaube ich, dass es sich bei Isländern um artfremde Wesen handelt. Bei manchen Aussagen könnte man meinen sie haben nichts, aber rein gar nichts, mit „anderen“ Pferden gemeinsam. Oder umgekehrt: Warmblüter und Co. haben keinerlei Gemeinsamkeiten mit den Pferdchen von der Insel.
Ehrlich gesagt kann ich manchmal nur mit dem Kopf schütteln, wenn ich die eine oder andere Aussage höre. Grund genug, diese „Unterschiede“ einmal genauer zu beleuchten.

1. Isis können ausschließlich in einem Offenstall überleben, während andere Pferde glücklich bis ans Ende ihrer Tage in ihrer Box leben.

Diese Aussage setzt voraus, dass Isländer die einzigen ihrer Gattung sind, die soziale Kontakte rund um die Uhr aushalten können. Langhälse sind demnach wohl Einzelgänger. Und scheinbar sind Isländer die einzigen Pferde, die sich gerne frei bewegen. Langhälse hingegen sind absolute Couchpotatoes.
Mal im Ernst: Alle, ausnahmslos alle Pferde, sind soziale Wesen und benötigen den uneingeschränkten Kontakt zu Artgenossen sowie ein Mindestmaß an freier Bewegung. Die Voraussetzung, dass sich ein Pferd – egal welcher Rasse – unter Artgenossen wohl fühlt ist eine harmonische Herde und das richtige Umfeld.

2. Isländer frieren nie, weil sie so viel Fell haben. Deswegen müssen sie auch im Winter draußen stehen.

Diese Aussage bedeutet im Umkehrschluss, dass „andere“ Pferde sich im Winter ihren Allerwertesten abfrieren. Oder eine Decke tragen müssen.
Ja, Isis werden im Winter zu niedlichen kleinen Flauschkugeln und ähneln eher einem Mammut als einem anmutigen Wesen. In der kalten Jahreszeit sind sie einfach nur zum knutschen. Ist der Fellwechsel endlich da, kann man sich aus der anfallenden Wolle problemlos ein zweites Pony stricken. Langhälse hingegen sehen im Vergleich zum Isländer auch im Winter aus wie frisch frisiert. Aber ich verrate euch etwas: Die Thermoregulation funktioniert bei allen Pferden gleich, egal ob Isi, Spanier oder Hannoveraner. Unsere Pferde können sich wunderbar an gegebene klimatische Verhältnisse anpassen, ganz gleich, aus welchem Land sie stammen. Der einzige Grund, weshalb Isis ein langes und flauschiges Winterfell entwickeln, liegt in der Tatsache, dass die langen Haare Wasser besser vom Körper abhalten. Denn in Island gehört Regen beinahe zum Alltag.
Ob ein Pferd Kälte und Nässe gut aushalten kann, liegt nicht zuletzt an seinem Gesundheitszustand und Alter.

3. Warmblüter und Co. wachsen schneller als Isländer

Warum sonst werden Großpferde oft schon mit drei, spätestens vier Jahres eingeritten, während die Gattung Isländer ihre Kindheit bis zum vierten, meist fünften Lebensjahr in vollen Zügen genießen darf?
Isländer gelten im Volksmund als Spätentwickler. Dazu gehört sowohl die körperliche als auch die geistige Reife.
Fakt ist, dass die Entwicklung des Pferdes individuell ist und nicht zuletzt von Haltung und Fütterung abhängt. Die Entwicklung des Körperbaus bestimmt über den Zeitpunkt des Anreitens. Und das gilt für alle Pferde. Die Belastbarkeit der Pferde durch Reitergewicht ist erst dann schadlos möglich, wenn alle Wachstumsfugen der Knochen geschlossen sind. Die sogenannten Epiphysenfugen befinden sich am Ende der Knochen und bestehen aus einem knorperligen Material. Dieser Knorpel ist „weicher“ als normaler Knochen. Erst, wenn die Wachstumsfugen geschlossen sind, ist der Knochen vollständig belastbar. Ich habe zu diesem Thema recherchiert und dabei keine Hinweise gefunden, dass sich die Epiphysenfugen bei Großpferden und Isländern in unterschiedlichen Lebensabschnitten schließen. Demnach sieht es so aus, dass sich die Fugen der Wirbelsäule erst in einem Alter von 5,5 bis 6 Jahren schließen. Die Wachstumsfugen von Schulterblatt, Becken und Sprunggelenk verwachsen in einem Alter von 3 bis 4 Jahren, im Unterarmknochen zwischen 2,5 und drei Jahren und im Oberschenkel zwischen 3 und 3,5 Jahren. Demnach ist das Skelett eines Warmblüters ebenfalls erst mit etwa 6 Jahren voll belastbar. Wenn ich bedenke, dass manch ein Pferd vier- oder fünfjährig schon hohe Lektionen beherrscht, dann möchte ich mal wieder alle wirtschaftlichen und ehrgeizigen Ambitionen zu Lasten der Tiere verdammen.
Fazit: Meines Erachtens gibt es keine Unterschiede in der Entwicklung von Großpferden oder Isländern, die ein frühes Einreiten rechtfertigen.

4. Isländer sind asozial.

Immer wieder wird gemunkelt, dass Isländer nur mit Ihresgleichen glücklich werden können und sich gar unsozial anderen Rassen gegenüber verhalten. Meine Meinung zu diesem Thema lautet wie folgt: Alle Pferde kommunizieren gleich, ganz egal welcher Rasse oder Herkunft. Persönlich habe ich folgende Erfahrung gemacht: Meine Isistute steht in einer gemischten Herde. Dort kommt sie wunderbar zurecht. Sie hat sich problemlos an Warmblüter angeschlossen und auch die haben mein Inselpferd sofort in die Herde eingebunden. Über die Harmonie einer Herde entscheidet letztendlich ihre Zusammenstellung. Jüngere Pferde sollten andere Jungspunde zum Spielen haben, ältere Pferde benötigen Rückzugsmöglichkeiten und ruhige Artgenossen. Aber auch eine Mischung aus Alt und Jung kann wunderbar funktionieren.
Auch, wenn Isländer - wie ich finde – sehr soziale Wesen sind, erkennen sie ihresgleichen doch. Reiten an der Weide von Fräulein Pony Tinker, Hafis oder andere Pferde vorbei, hebt sie einmal den Kopf um gleich darauf die Nase wieder ins Gras zu stecken. Kommt hingegen ein Isi vorbei, wird dieser so lange begleitet, wie der Weidezaun es zulässt. Nichts desto trotz zeigt sie sich in ihrer gemischten Herde alles andere als asozial. Ohne ihren Hafi-Freund und Norweger-Freundin trifft man sie selten an.

5. Isländer sind die einzigen Pferde, die auch mit der Lendenwirbelsäule Reitergewicht tragen können.

Ja, das ist jetzt sehr überspitzt formuliert. Aber davon sollte man ausgehen, wenn man sich die gängigen Modelle der Gangpferdesättel anschaut. Die sind zum einen oft zu lang, zum anderen haben sie einen sehr ungünstigen Schwerpunkt (der viel weiter hinten liegt als bei klassischen Sätteln). Zugegeben, einen passenden Sattel für manch einen Isi zu finden, ist eine echte Herausforderung. Ich weiß, wovon ich spreche. Denn auch Fräulein Pony hat eine sehr kurze Sattellage. Alles über den richtigen Schwerpunkt des Sattels und wichtige Kennpunkte zur Passform könnt ihr übrigens hier lesen. Manch ein Profi aus der Gangpferdeszene scheint förmlich auf dem Hinterzwiesel des zu langen Sattels zu sitzen. Ein Bild, das mir als angehende Pferdephysiotherapeutin Tränen in die Augen treibt. Nicht jeder Sattel wird direkt auf der Lendenwirbelsäule liegen, aber dennoch im hinteren Teil der Brustwirbelsäule. Beide Bereiche sind nicht für die Lastaufnahme gebaut. Der richtige Schwerpunkt liegt kurz hinter dem Widerrist. Und ja, auch wenn man dort sitzt, kann man ein Pferd tölten.

Zugegeben, der letzte Punkt ist keine "Aussage" wie die anderen Beispiele. Dennoch gehört der Sattel zu den typischen "Unterschieden" zwischen Gangpferden und anderen Pferden.

Manche Aussagen in diesem Artikel sind bewusst überspitzt und ironisch formuliert. Meiner Meinung haben alle Pferde, egal welcher Rasse, die gleichen Bedürfnisse. Sicherlich gibt es Eigenschaften, die rassetypisch sind. Sie ändern jedoch nicht die Ansprüche an eine artgerechte Haltung und faire Ausbildung.

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2 Kommentare

  1. Isländer sind einfach besondere Ponies. Ich liebe sie! Der Artikel ist sehr einfühlsam geschrieben, vielen Dank.

    1. Christina Schumann
      Author

      Vielen Dank für das nette Feedback 🙂 Ich freue mich immer über jede Rückmeldung. Viele Grüße, Christina

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