Passt der Sattel? Tipps und Tricks zu Passform und Zubehör

Es gibt Pferdemenschen, die bekommen bei der Verwendung des Wortes „Sattel“ hektische rote Flecken und Schnappatmung. Ich gehörte auch dazu. Hat man ein Pferd mit einer ungünstigen Sattellage, beginnt oft eine Odyssee der Sattelsuche. Wird man dann auch noch falsch beraten, ist das Drama vorprogrammiert.
Auch als angehende Pferdephysiotherapeutin beschäftige ich mich mit diesem Thema, denn wenn der Sattel nicht passt klemmt es ganz schnell im Pferdekörper.
Damit ihr euch ein Bild von der Passform des Sattels machen könnt, habe ich ein paar Kennpunkte zusammengefasst:

1. Die Länge des Sattels

hellgrüner Balken: hintere Kante Schulterblatt, dunkelgrüner Balken: letzte Rippe, weißer Pfeil: Schwerpunkt

Die Länge der Auflagefläche wird bestimmt durch die Strecke zwischen der hinteren Kante des Schulterblatts und der letzten Rippe. Aber Achtung: der Sattel darf niemals bündig an der hinteren Kante des Schulterblatts anliegen! Denn geht das Pferd vorwärts bewegt sich auch das Schulterblatt vor und zurück und könnte somit an die Pauschen des Sattels anschlagen, wenn der Sattel zu lang ist oder zu weit vorne liegt.
Die Länge des Sattels wird natürlich mitbestimmt durch die Größe der Sitzfläche. Diese wird in der Maßeinheit Zoll angegeben. Ein Zoll entspricht etwa 2,54 cm. Die Länge der Sitzfläche wird übrigens –bei den meisten Herstellern- vom Sattelknopf bis zur Mitte des Hinterzwiesels gemessen. Der Sattelknopf liegt seitlich am Vorderzwiesel.

Sattelknopf

Warum darf der Sattel nicht über die letzte Rippe hinausragen? Die Rippenbögen schützen die inneren Organe des Pferdes. Ist der Sattel nun zu lang, entsteht ein unangenehmer Druck auf empfindliche Strukturen. Außerdem verhindert ein zu langer Sattel eine korrekte Biegung. Hinter dem letzten Rippenbogen beginnt die Lendenwirbelsäule, die keinesfalls zum Tragen von Lasten geeignet ist.

2. Der Schwerpunkt

Der Schwerpunkt des Sattels ist die Stelle, an der der Reiter sitzt. Optisch erkennbar durch den „tiefsten“ Punkt des Sattels. Idealerweise liegt er dort, wo das Pferd uns automatisch hinsetzt, wenn wir ohne Sattel reiten, also direkt hinter dem Widerrist. Hier befindet sich ungefähr der neunte bis zehnte Brustwirbel. Warum sollte der Schwerpunkt genau hier liegen? Oberhalb des 9. bzw. 10. Brustwirbels kann das Pferd am besten Last aufnehmen. Außerdem stören wir an dieser Stelle weder die Biegung noch das Aufwölben der Wirbelsäule.
Vor allem Gangpferdesättel sind oft so geschnitten, dass der Schwerpunkt viel weiter hinten liegt. Vermutlich liegt das an der Vorstellung, dass man so besser auf die Aktivität der Hinterhand und damit auch auf den Tölt einwirken kann.

Der rote Pfeil zeigt den Schwerpunkt, der viel zu weit hinten ist. An der Stelle des grünen Pfeils sollte der Schwerpunkt im Optimalfall liegen.

3. Das Kopfeisen

Das Kopfeisen befindet sich an der vorderen Kante des Sattels und bestimmt mit seiner Größe die Kammerweite. Die Kammerweite wird zwischen den beiden Ortspitzen des Sattelbaums gemessen, die von außen durch die markanten Sattelknöpfe erkennbar sind. Ist das Kopfeisen zu eng, erkennt man das vor allem daran, dass sehr viel Platz zwischen Widerrist und Sattel liegt. Durch ein enges Kopfeisen verlagert sich außerdem der Schwerpunkt des Sattels nach hinten und sorgt für vermehrten Druck im hinteren Sattelbereich.
Ein zu weites Kopfeisen hat zur Folge, dass der Sattel auf dem Widerrist aufliegt oder dort nur wenig Platz bietet. Als Folge wandert der Schwerpunkt weit nach vorne, während der Sattel im hinteren Bereich zu schwimmen scheint. Auch hier ist keine optimale Durckverteilung gegeben. Wird das Pferd über längere Zeit mit einem Sattel geritten, dessen Kopfeisen nicht passt und sich in die Muskulatur „bohrt“, entstehen typische Dellen im Trapezmuskel unterhalb des Widerrists.

4. Der Wirbelsäulenkanal

Der Wirbelsäulenkanal wird gebildet durch den Abstand der Sattelkissen. Um zu messen, wie breit er ist, legen wir uns den Sattel umgedreht auf die Füße. Im Optimalfall ist der Kanal etwa vier Finger breit, ca. 8 cm. Nur so entsteht kein Druck auf der empfindlichen Wirbelsäule und sie kann sich ohne Probleme aufwölben.

5. Die Sattelkissen

Sie bilden die Auflagefläche des Sattels. Ihre Schnittform ist maßgeblich für eine gute Passform. Die Kissen sollten in ihrem Schwung parallel zu der Rückenlinie verlaufen. Von Vorteil sind hier zum Beispiel Bananenkissen oder auch französische Kissen. Gerade französische Kissen passen sich gut an die Rückenform des Pferdes an, da sie nur durch Knöpfe mit dem Sattel verbunden sind und somit flexibler sind als fest vernähte Kissen. Keilkissen hingegen eignen sich weniger, denn sie ragen im hinteren Bereich tief in die Rückenmuskulatur und können dort unangenehmen Druck verursachen.
Pferde sind von Natur aus schief in ihrem Körperbau, sie haben, wie wir Menschen auch, eine starke und eine schwache Hand. Bei untrainierten Pferden kann es also sein, dass die starke Hand besser bemuskelt ist als die schwächere Seite. In diesem Fall darf ein Sattel niemals asymmetrisch gepolstert werden. Eine Anpassung des Sattels auf diese Asymmetrie hätte zur Folge, dass die schwächeren Muskeln in ihrer Entwicklung gehemmt werden. Bei asymmetrischer Muskulatur ist es ratsam, zunächst die Ursachen zu beheben und die Schiefe des Pferdes durch angepasstes Training ohne Reitergewicht auszugleichen. Unter Umständen kann auch auf ein Pad zurückgegriffen werden, bei dem die Kissen ausgetauscht werden. So kann der Sattel problemlos an die Muskulatur angepasst werden.

Die grünen Balken zeigen die Winkelung der Kissen. Die orangen Balken zeigen die Form des Rückens. In diesem Fall entspricht die Winkelung der Kissen nicht der Rückenlinie.

6. Polsterung und Material

Die Füllung der Kissen besteht bestenfalls aus natürlichen Materialien wie zum Beispiel Baumwolle. Sie passt sich deutlich besser an die Rückenform des Pferdes an als synthetische Polsterungen. Außerdem hat die Füllung mit natürlicher Wolle positive Eigenschaften in Bezug auf den Wärmeaustausch. Kommt es zu einem Hitzestau unter dem Sattel, erkennt man das an weißen Stichelhaaren in der Sattellage.
Die Füllung der Kissen muss eben sein. Eine Knötchenbildung kann man sehr gut fühlen, wenn man sich den Sattel umgedreht auf die Füße legt und mich sanftem Druck die Kissen von oben nach unten abfährt.

7. Sattelgurt und Unterlagen

Auch dieses notwendige Zubehör beeinflusst das Wohlbefinden des Pferdes beim Tragen des Sattels. Die Auswahl an Sattelgurten ist sehr groß, somit gibt es auch Unterschiede in ihren Eigenschaften. Schnürengurte zum Beispiel sind nicht empfehlenswert. Es lässt sich nicht vermeiden, dass Fell zwischen den einzelnen Schnüren eingeklemmt wird. Dass das ziept, kann man sich sehr gut vorstellen.
Anatomische Schnittformen bei Langgurten sind optimal. Dabei sollte die breiteste Stelle des Gurtes zwischen den Vorderbeinen liegen, damit der Druck dort optimal verteilt werden kann.
Kurzgurte sollten so lang sein, dass sie auf der Sattelunterlage verschnallt werden, also mindestens bündig mit der unteren Kante des Sattelblatts abschließen. So wird verhindert, dass der Gurt im Ellbogenbereich stört oder Scheuerstellen entstehen.
Nun zu den Sattelunterlagen. Seit einiger Zeit sind Schabracken mit einer großen Steppung in Mode. Problem hierbei: Je nach Qualität verrutscht die Füllwatte in den einzelnen Kammern, Dadurch entstehen unangenehme Falten, die zu Scheuerstellen führen können. Besser sind Schabracken oder Satteldecken mit einer kleinteiligen Steppung. Hier bleibt die Füllwatte auch über längere Zeit stabil.
Häufig werden auch Sattelpads aus Lammfell verwendet. Sie sind flauschig und dick und scheinen dem Pferd eine Druckentlastung zu bieten. Allerdings sollte der Sattel unbedingt darauf angepasst werden, wenn man mit diesen Lammfellunterlagen reiten möchte. Sonst werden der Wirbelsäulenkanal und der vordere Bereich des Sattels viel zu eng.

Zum Schluss noch ein paar Sätze zu verschiedenen Sattelmodellen:
Baumlose Sättel oder Fellsättel sind zwar günstiger als Sättel mit Baum, sind aber nicht immer für die dauerhafte Verwendung geeignet. Nicht alle Modelle lassen sich gut an das Pferd anpassen. Sind diese Modelle dann auch noch ohne Kissen, hat das Pferd keinerlei Wirbelsäulenfreiheit. Ein Aufwölben des Rückens wird aufgrund des darauf lastenden Reitergewichts verhindert. Der fehlende Baum führt dazu, dass das Gewicht nicht optimal auf dem Pferderücken verteilt werden kann. Ähnlich verhält es sich mit Reitpads. Sie sollten nur hin und wieder zur Sitzkorrektur verwendet werden. Ein dauerhafter Gebrauch schadet der Rückenmuskulatur.
Und dann gibt es da auch noch Kunststoffsättel. Die Füllung ihrer Kissen ist so fest, dass sie sich so gut wie gar nicht „setzen“ kann. Zudem hindert das Kunststoffmaterial einen optimalen Wärmeaustausch, die Wärme staut sich unter dem Sattel.

Ich hoffe, ich konnte euch einen hilfreichen Überblick über die Passform von Sätteln geben. Und jetzt bin ich auf eure Sattelgeschichten gespannt 🙂 Wie ist eure Sattelsuche gelaufen und habt ihr euren Traumsattel gefunden?

PS: Die hier aufgeführten Tipps beziehen sich in erster Linie auf klassische Sattelformen wie z.B. für die englische Reiterei oder das Gangpferdereiten.

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2 Kommentare

  1. … ich finde den Artikel sehr hilfreich. Ich habe eine Menge Sättel und ein paar Pferde… aber ich bin im Ausland wo das „anpassen“ eines Sattels bei den meisten zu einem Riesen Fragezeichen im Gesicht führt, weil dich hier kaum Pferdebesitzer einen angepassten Sättel leisten oder überhaupt vorstellen können. Man bringt dich hier aus dem Ausland eben mit, wovon man glaubt das könnte ganz gut passen. Oft ist es nicht der Fall, den absoluter Glücksfall eines korrekt angepassten Sattels kennen hier höchstens Pferde, die vielleicht für das Land irgendwo Dressurmösdig an den Start gehen. Schade…, aber ist halt so. Ich werde mir mal die Mühe machen nach dem Fotomaterial „auszumessen“ , ob ich meinen Pferden Zuviel zumute. Danke für die tolle Erklärung.


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